Kurzprosa

All das Fragen

Üppig springt der Frühling unter den blauen Himmel, erreicht Väter, Mütter, Kinder, alte Menschen. Das Lebensrad schwingt, ich häng mich dran und warte auf den tiefen Fall in mir, der kommt, der immer kommt, wenn die Welt um mich tobt, wenn die Luft schwirrt und die Menschen plötzlich alles können. Gegenüber im Café sitzen schwangere Frauen, harren ihrem Familienglück entgegen, unterhalten sich leise, wirken bedächtig, die Bäuche versteckt unter raffiniert geschnittenen Kleidern. Ich frage mich, warum und wende den Blick in die andere Richtung. Vor dem Kiosk sitzt ein dicker Junge, der an einem Wassereis lutscht.

Wo bleiben all die Antworten auf meine Fragen? Das Rad schleudert mich herum. Ich fliege, taumele, falle. Unbeirrt davon die Bäuche. Mein Blick trifft den des Jungen. Ein scheues Grinsen huscht über sein Gesicht. Verlegen schaut er weg.

Woher nehmen die Leute diese Unverdrossenheit in ihren Bewegungen, wenn ich sie im Park beobachte? Woher nehmen sie diese Kühnheit, diesen Mut? Vom Morgentau gestärkt, vom Tageslauf angetrieben, immer den Wind im Rücken. Das ist das Geschick der anderen. Das zitronenfrische Frühlingsrund am Himmel zieht Kreise um meine Fragen und bleibt ihnen fern genug. Es nimmt seinen Lauf, wird dottergelb bis hin zu einem Blutrot, das später tiefer rutscht und schließlich in die Nacht fällt.

Die Leute im Park sind weg. Ich denke an die Bäuche, an den Jungen und das schattenhafte Grinsen. Ich merke wie die Nacht Samt um die Bäume spannt und das Tagtreiben weit fortträgt. Das Lebensrad schnarrt aus der Ferne. Ich werfe meine Fragen von mir, soll das Rad sie doch auffangen und durch die Welt schleudern. Auf wen auch immer.

Ich jedenfalls behalte meinen Bauch nicht für mich unter einem raffiniert geschnittenen Kleid.

 

Tagebucheintrag

Bonn. Erster April. Und das ist kein Scherz. Der Frühling kracht durch die Wolken, die Sonne beknallt das Straßenpflaster. Die Bänke vorm Café biegen sich. Da sitzen einfach zu viele Leute drauf. Backe an Backe. Nein danke, das muss ich jetzt nicht haben.

Ich gehe die Straße weiter runter. Osterglocken platzen mir entgegen. Das grelle Gelb der Blütenblätter schmerzt. Ein Obdachlosenzeitungsverkäufer lässt seinen Hund von der Leine. Freudig springt er in die Osterglocken und markiert sein Revier. Ein hellgrauer Hund auf hohen Beinen und Speckohren, die so aussehen als seien sie auf Durchzug geschaltet. Der Obdachlose bietet mir eine Zeitung an. Ich sage „nein“ und werfe einige Centstücke in einen Pappbecher, den der Obdachlose vor sich aufgestellt hat. Er nickt dankend. Ich streichele die Speckohren. Sie fühlen sich ganz weich an und für einen Moment hab ich das Bedürfnis den Hund mit zu nehmen. Einfach so, weil er so weich ist. Ich könnte ihm jetzt ein Hundespielzeug kaufen, damit er sich nicht langweilt.

Ich kaufe kein Spielzeug, sondern laufe weiter Richtung Rhein. Das Johannes- Hospital wirkt in dem Sonnenlicht beinahe wie ein angestrahltes Schloss. Leute spazieren im Krankenhauspark. Das ist kein Lustwandeln. Da liegt Schmerz in den Bewegungen. Vielleicht nicht bei allen, aber doch bei einigen. Das kann nicht anders sein im Krankenhaus.

Ich überquere die Straße, gehe an der Beethovenhalle vorbei, bis der Rhein vor mir auftaucht.

„Empfindet der Obdachlosenzeitungsverkäufer manchmal so was wie Freiheit?“, höre ich mich plötzlich laut fragen, obwohl niemand da ist, den ich hätte ansprechen können. Erstaunt über meine Anwandlung von Selbstgespräch, führe ich meine Gedanken still weiter. Ob er so leben will, frage ich mich und was den Leuten im Krankenhaus fehlt.

Ich setze mich auf eine Bank und schaue den Spatzen zu, die ganz nah herankommen, um eifrig die Krümel zu picken, die jemand neben der Bank ausgestreut hat. Ich frage mich, ob mir was fehlt. Ich finde keine Antwort. Auch nicht als die Sonne hinter den Häusern verschwindet und das Wasser eine dunkle Färbung annimmt.

 

Wiederfinden

Blütenzweigspuren verlieren sich im Schnee. Wo wollen sie hin? Der Marmorhimmel verrät es mir nicht. Auch nicht das Teerfeld zwischen Marmorschlieren und Schnee. Was sollen sie mir auch sagen?

Ich beuge mich hinunter und pflücke einen Zweig, befühle ihn und merke, dass er flüchtig duftet. Ich verfolge die Spuren und überlege, woran mich der Geruch erinnert. An meine Kindheit vielleicht oder an jemanden, den ich schon lang nicht mehr gesehen habe? Die Abenddämmerung legt sich über die Landschaft. Bald wird die Dunkelheit mich aufnehmen.

Ein plötzlicher Wind trägt mehr von dem Blütenduft heran und dann fällt es mir ein. Meine Mutter hat mir vor vielen Jahren einmal Rosenöl aus Bulgarien mitgebracht. In einem länglichen Fläschchen. Das hat genau so gerochen. Etwas kräftiger vielleicht.

Bulgarien war die Heimat meiner Mutter. Sie kam aus einem Dorf bei Sofia und ist viel dort hingefahren. Wir Kinder wollten nicht. Aber wo ist das Fläschchen nur geblieben? Wer weiß, wo das hingekommen ist. Eigentlich müsste ich es noch haben.

Das Teerfeld breitet sich in den Himmel. Der Schnee glänzt matt. Ich verlasse die Blütenzweigspuren, trete aus dem Schnee und klopfe ihn von den Schuhen.

Wenn ich zu Hause bin, denke ich, werde ich das Fläschchen suchen. Und wenn ich es gefunden habe, werde ich es an einen sicheren Ort stellen.