Prosa

Gänseblümchen im Januar

„Heute habe ich Gänseblümchen im Garten gesehen“, sage ich zu Ela. „Die ganze Wiese ist voll.“

Ela ist meine beste Freundin. Seit zwei Jahren wohnen wir zusammen, und sie ist immer noch meine beste Freundin.

„Das ist zu früh für die Jahreszeit“, sagt Ela und hüpft den langen Flur auf und ab. Sie will endlich los. Einen Moment bleibt sie vor dem Spiegel stehen, rückt ihre Mütze zurecht und zupft ein paar Haarsträhnen darunter hervor. „Komm schon“, sagt sie. Ich ziehe meinen Mantel über.

Ela nimmt mich an die Hand. Wir laufen quer durch die Stadt. Die Luft ist milder als im Frühling. Der runde Mond ist eine blass schimmernde Perlmuttscheibe. Über dem grellen Licht der Straßenlaternen gibt es keinen Himmel.

Wir gehen in den Club Der Polnischen Versager und setzten uns an die Glasbausteintheke. Keine Ahnung, warum der Laden so heißt. Man trifft da deutsches, polnisches oder russisches Publikum, manchmal auch andere Nationalitäten. Aber was das mit Versagern zu tun haben soll, weiß ich nicht. Eigentlich ist mir das auch nicht wichtig. Hinter der Theke arbeitet jedenfalls häufig eine russische Kellnerin.

Ich trinke zuviel Wodka, verliebe mich in mehrere Männer gleichzeitig und als ich am nächsten Mittag wach werde, liege ich in einem fremden Bett. Der Mann neben mir hat ein tiefes Grübchen am Kinn. Eine Grube im Gesicht, denke ich.

Abends kichern wir darüber und ich erzähle Ela, dass ich keine Erinnerungen mehr an die anderen habe.

Ein paar Tage später sitzen wir wieder an der Glasbausteintheke. Der Mann mit der Grube kommt herein. Ich trinke zuviel Wodka. Ela hat blasse Augen an dem Abend. Sie dreht die langen schwarzen Haarsträhnen um ihren Finger. Plötzlich ist sie weg. Ich sehe dem Grubenmann mitten ins Gesicht. Ein wenig verlegen schaut er zur Seite, dann lacht er.

Gegen Mittag gehe ich nach Hause. Ela ist nicht da. Als es am Nachmittag klingelt, mache ich nicht auf.

Später entdecke ich vor der Wohnungstür eine halb verwelkte Tulpe in einer kleinen Vase mit verspieltem Muster. Daneben liegt ein Zettel. Heute Abend im Club.

Ela kommt. Ihre Augen sind noch blasser als gestern. Sie sagt flüchtig etwas, das ich nicht verstehe, dann ist sie wieder weg. Komisch, denke ich.

Ich nehme den Zettel und rieche daran. Er richt nach nichts.

Es ist still in der Wohnung, das Gluckern in der Heizung ist plötzlich laut.

Ich gehe spät in den Club. Der Grubenmann ist nicht da. Ich bestelle zwei Wodka. Den einen trinke ich, den anderen stelle ich neben mich an den freien Platz links. Rechts sitzen zwei Jungs, die mit der blonden Russin hinter der Theke flirten. Sie hat ein flächiges Gesicht und ist stark geschminkt. Die Russin erwidert das Spielchen mit einem frechen Lachen, das aus einem breiten Mund kommt. Ich bestelle zwei weitere Wodka.

Die Glasbausteine erinnern mich an die Glasfront im Treppenhaus meiner Großmutter. Da hat es immer nach Ajax gerochen und nach billigem Parfum. Meine Großmutter hatte häufig Streit mit den Nachbarn, weil sie das Treppenhaus nicht saubermachen wollte.

Der Grubenmann kommt. Er legt die Hände wie zu einem Gebet gefaltet ineinander. Ich muss lachen darüber. Unwillkürlich löst er sich aus dieser Haltung und steckt die Hände in die Hosentaschen.

Der Grubenmann grinst und das Grübchen am Kinn ist noch tiefer als sonst, fast viereckig. „Warum bist du so spät?“, frage ich.

Irgendwann liegen wir in seinem Bett. Ich bleibe ein paar Tage bei ihm. Ich rufe Ela an und sage ihr, dass der Grubenmann süß ist. Wir lachen, dann legen wir auf.

Das Blasse in Ela ´s Augen bleibt. Das macht sie mir fremd.

„Du bist meine beste Freundin“, sage ich und sehe sie prüfend an. Sie nickt eifrig und dreht die Haarsträhnen um ihren Finger. Schließlich hört sie auf damit und hüpft in den Flur. Ela sieht aus wie ein Reh.

„Ich muss los“, ruft sie und zieht die Tür hinter sich zu. Ich höre, wie sie die Treppe hinunterrennt.

Der Grubenmann hat verschiedene Jobs. Er arbeitet als freier Journalist, Wachmann, Tellerwäscher, Fassadenputzer. Er macht auch noch andere Sachen und manchmal macht er nichts. Dann liege ich bei ihm im Bett, den ganzen Tag, bis es dunkel wird und wieder hell. Zwischendurch erzählen wir uns Geschichten.

Der Frühling kommt, die Tage werden warm. Wir rudern über die Seen der Umgebung, springen in das kalte Wasser, liegen am Ufer und pfeifen auf Grashalmen. Die Wiesen sind übersät mit Gänseblümchen.

Ich bringe dem Grubenmann das Einradfahren bei. Das sieht so ulkig aus, dass ich losprusten muss. Wie er die Wege im Park entlang eiert und schließlich vom Rad kippt. Ich fange ihn auf, er keucht, weil er außer Atem ist.

Ich gewöhne mich an seine Eigenarten und daran, wie er Marmelade in den schwarzen Kaffee rührt, wie er zwei Aspirin im letzten Wodka-Cocktail auflöst, wie er nach dem Aufstehen eine Stunde im Zimmer in irgendwelchen alten Turnschuhen auf der Stelle joggt und die Schuhe schließlich zum Lüften unter die Dachrinne hängt.

Ich kenne seine zuverlässige Unpünktlichkeit, wenn wir uns im Club verabreden, seinen verschlafenen Blick, wenn er reinkommt und die Manier, die Hände gefaltet ineinander zu legen, wenn er an der Theke Platz genommen hat. Ich mag das kehlige Lachen, das nicht aufhört, wenn er sich über etwas freut und ich mag, wenn er manchmal das Lied von Element Of Crime singt, in dem der Sänger bedauert, dass der Sommer schon wieder vorbei ist.

Dann geht der Sommer tatsächlich vorbei, und im Januar ist es wieder zu warm.

Der Grubenmann kellnert viel und wäscht Teller. Ich bin häufiger zu Hause, putze die Wohnung, koche Marmelade. Dann finde ich einen Job als Buchillustratorin.

Ela ist immer weg, wenn ich da bin. Ich frage mich, ob die Augen noch so blass sind und was ich sage, wenn ich sie sehe.

Heute ist Sonntag. Wir haben schon lang nicht mehr zusammen gefrühstückt. Ich könnte jetzt den Tisch decken und auf sie warten. Dann frühstücken wir eben, wenn sie kommt.

Ich gehe in die Küche, um Kaffee zu kochen. Und da steht Ela am Herd. Ich erschrecke. Dicht neben ihr steht noch jemand. Der Grubenmann hält Ela fest umschlungen.

Auf dem Küchentisch steht eine kleine Vase mit Gänseblümchen.

Eine Geschichte

Wir fuhren ans Meer. Eine Woche fuhren wir ans Meer. Ich hörte es, roch es schon lang bevor wir da waren. Und dann sah ich es. Das Meer war blau, so blau unter der Sonne. Wir rannten in die Wellen und liebten uns. Das Meer war groß, es gab nichts größeres in dieser Welt unter der Sonne. Meine Freundinnen sagten, unsere Haut würde kaputtgehen, einfach abblättern, wenn wir da reingingen. Kinder würden sterben. Ich sah das nicht. Ich sah nur das Blau und lebendige Kinder, die in den Wellen tobten.

Du hattest dich in den Tod gewaschen, das war mir erst viel später bewusst. Du standest mit anderen Männern auf Dächern und hast die Strahlen weggespült. Gereinigt hast du die Dächer mit dicken unendlich langen Schläuchen. So hast du es erzählt. Unter der Woche hast du das gemacht. Und am Wochenende kamst du nach Hause. Du kamst rein und wir liebten uns. Ich kaufte mir Kleider und Schmuck. Ich mochte es, mir jeden Tag oder manchmal sogar mehrmals am Tag etwas anders anzuziehen.

Wenn du nicht da warst, ging ich nach der Arbeit in die Stadt, sah Dinge, die mir gefielen, kaufte sie. Ich lenkte mich ab, bis du wieder da warst. Eines Tages sah ich Flecken auf deiner Brust. Du sagtest, das sei nichts. Die Flecken waren erst rötlich, dann grün, später blau. Du wurdest schwächer, gingst nicht zum Arzt, fuhrst wieder raus zur Arbeit. Standest auf Dächern. Ich wartete auf etwas, ich kann nicht sagen worauf. Irgendwann waren die Flecken wieder weg.

Einmal fuhr ich zu meiner Schwester. Sie war überrascht, wusste nichts von meinem Besuch. Sie wollte mich nicht reinlassen, weil ich vergiftet sei, wegen der Strahlen. Sie hatte damals ein kleines Kind.

„Ich stille noch“, sagte sie durch die knisternde Gegensprechanlage. Eine Weile blieb ich vor dem Wohnblock stehen, ich wusste nicht, was ich machen sollte. Die Nacht schlief ich im Bahnhof, fuhr dann am nächsten Morgen zurück.

Du warst schon da, als ich reinkam. Ungewöhnlich, einen Tag früher als sonst. Manchmal sagtest du, dass dir etwas fehle, wenn du draußen bist. Du konntest nicht sagen, was. Wenn wir spazieren gingen, liefst du schweigend neben mir her. Ich glaube, du hast überlegt, was dir fehlt. Und dann fiel es dir ein. Du sagtest, „ich kann nichts riechen. Alles blüht, die Rosen, der Flieder. Die Apfelbäume tragen Früchte. Aber ich rieche nichts.“ Du fragtest, ob ich etwas rieche. Ich sagte, „ja, ich rieche alles.“

Der Herbst war so warm wie noch nie. Die Ärzte erklärten, dass manche Organe taub werden und dass man dann vielleicht nicht mehr riechen könne. Du schütteltest den Kopf und lachtest. Etwas verlegen sahst du dabei aus. Die Wissenschaftler haben geschrieben, es könne auch sein, dass die Blüten ihren Duft verlieren.

Sie behielten dich eine Woche im Krankenhaus. Dann holte ich dich ab. Du fuhrst nicht raus auf die Dächer oder zu anderen Arbeiten, die dich zu einem Helden machten. Zu einem Helden für die Kinder, die danach kommen würden und die nichts davon hatten, weil sie auch krank wurden. Sie machten dich also zu einem sinnlosen Helden. Ich wurde wütend und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

Einige Wochen später musstest du wieder ins Krankenhaus. Ich saß an deinem Bett und legte deine Hand in meine. Es wurde kalt, Schnee fiel. Der sah so aus wie immer. Ich beobachtete, dass sich dein Gesicht veränderte. Deine Wangen schwollen auf. Dein Blick wurde abwesend und irgendwann konntest du nicht mehr sprechen. Dafür schriest du, tags und nachts, weil du Schmerzen hattest. Die Schwestern konnten dir nicht helfen. Von einer Nachbarin hatte ich gehört, dass sie ihrem Mann Wodka einflößen würde.

„Das hilft“, sagte sie. Also führte ich dir heimlich über die Kanüle Wodka zu, du wurdest ruhiger, schliefst ein. Endlich schliefst du ein. Du wolltest nicht sterben. Du warst keine vierzig Jahre alt.

Ich dachte an meine Schwester, die mich nicht reinlassen wollte, weil sie damals noch gestillt hatte. Ich dachte an die Nacht im Bahnhof, an das Mädchen mit dem kleinen Hund, das mich fragte, ob ich kein Zuhause hätte, ich dachte an die Mutter und daran, wie sie das Mädchen unwirsch wegzog.

Es hatte aufgehört zu schneien und bald war der Schnee so verharscht, dass ich manchmal ausrutschte und hinfiel. Die Krankenschwestern schnauzten mich an.

„Sie sind zu häufig da. Ihr Freund ist verseucht.“ Das sei gefährlich, fuhren sie fort. Ob ich das nicht begreifen wolle. Was war nicht gefährlich? Diese Frage wollte ich nicht laut stellen. Ich machte mich von innen taub, wenn die Schwestern unfreundlich wurden.

Ich ging nur noch selten in die Stadt, ich fand auch keine Dinge mehr, die ich gern gekauft hätte. Kleider hatte ich genug und jeden Tag trug ich ein anderes, wenn ich dich besuchte, weil ich wollte, dass du dich daran freust.

„Fein ausgewählt“, hast du immer gesagt, dann hast du mich ausgezogen. Das letzte Mal hast du das gemacht, als ich von meiner Schwester zurückkam. Dann schlepptest du mich ins Schlafzimmer, gabst vor zu keuchen, weil ich mich aus Spaß wehrte. Dein Keuchen war anders als sonst.

Später stellte ich den Küchentisch auf den Balkon. Du wolltest draußen sitzen und süßen Kranz essen. Also besorgte ich süßen Kranz. Im Hof knallte ständig ein Fußball gegen das Garagentor. Kinder kreischten. Ich hätte gern welche gehabt. Zwei oder drei, vielleicht auch vier. Ich überlegte, wo wir dann wohnen würden.

„An was denkst du“, fragtest du. Ganz unvermittelt fragtest du. Ich hätte es dir gern gesagt, aber ich schwieg.

Du starbst langsam, du hieltest dich in dir fest, solang du konntest. Dein Körper war ganz heiß. So heiß, dass ich ihn nicht lang anfassen konnte. Auch nicht, als du schon einige Stunden tot warst. „Manche müssen erst ausglühen“, sagten die Ärzte. Später deckten sie dich zu und schoben dich weg.

Ich ging nach Hause und schlief drei Tage durch. Als ich wach wurde, wusste ich erst mal gar nicht, was geschehen war. Meine Schwester kam nicht zu deiner Beerdigung, obwohl sie nicht mehr stillte.

Ich kann nicht verstehen, dass ich nach deinem Tod einfach so drei Tage durchschlafen konnte. Wenn ich mich jetzt hinlege, dauert es lang, bis ich einschlafe. Auch, wenn ich sehr müde bin. Manchmal schlafe ich gar nicht. Ich begreife nicht, was vor sich geht. Was will ich wissen, gibt es da etwas?

Ich sehe das Meer, das blaue Meer. Wir rennen in die Wellen und lieben uns. Das Meer ist groß. Es gibt nichts größeres in dieser Welt unter der Sonne.

 

Schwimmbadmorgen

Die Kacheln fühlten sich kühl an und etwas klebrig. Der blaue, nasse Dunst, der über der Stadt lag, hatte sich darauf niedergeschlagen. Die Luft roch nach Chlor wie jeden Morgen um sieben und wie zu jeder anderen Stunde am Tag, aber um sieben war der Geruch am ausgeprägtesten.

Der Nebel verschwand gegen Mittag, stieg nach oben über die Gebäude hinweg in einen blassen Himmel, an dem eine herbstlich dünne Sonne stand. Die Strahlen fielen auf die Kacheln und einen Streifen des Teppichbodens hinter der Scheibe. Ich legte mich in den Sonnenstreifen und blieb so lange liegen, bis er nicht mehr da war, dann zog ich die Tür auf und stellte mich an die Brüstung, die bis zum Kinn reichte.

Mein Blick fiel darüber hinweg nach unten. Die Straßen waren ein Saum und die Menschen kleine Wesen, die sich gleichmäßig in alle vier Himmelsrichtungen bewegten.

Die Sunshine Sixty nahm ich kaum noch wahr, dafür das breite kastenförmige Gebäude schräg dahinter, das wesentlich niedriger erschien und kaum Fenster hatte.

Als ich vor zehn Jahren in die Gegend gezogen war, wollte wissen, ob das nur an der Seite, auf die ich blicken konnte, so war. Ich lief um das Gebäude herum und stellte fest, dass die anderen Seiten auch nicht mehr Fenster hatten. Im Parterre entdeckte ich eine Bar, aus der orangefarbenes Neonlicht nach außen drang, das sich mit dem gelblichblauen Nachmittagslicht zu einem grellen Pink verband. Ich betrat die Bar, bestellte Campari pur, insgesamt trank ich sieben Campari pur. Der Wirt konnte meine Frage nicht beantworten, also ließ ich sie offen und verlor das Interesse. Irgendwann beachtete ich die wenigen Fenster gar nicht mehr und das war nicht nur bei den Fenstern so.

Aber wenigstens trank ich ab und zu Campari in der Bar und der breite Kasten bekam etwas Vertrautes.

Manchmal trafen wir uns dort, setzten uns an die Theke, bestellten Cocktails oder Reiswein und verließen die Bar erst, als es draußen wieder hell wurde.

Wir unterhielten uns, und wenn wir schwiegen, war mir das bei ihr nicht unangenehm, denn es war kein betretenes Schweigen, das ein beklemmendes Gefühl erzeugt, weil man plötzlich nicht mehr weiß, was man noch sagen soll. Es war ein wohltuendes Schweigen, eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit. Vielleicht lag es auch daran, dass ich ohnehin kein großer Redner war. Die gedankliche Welt war seit Jahren mein Leben. Nicht jeder hat die Zeit, die Kacheln in der U- Bahnstation an der Wand zu zählen oder herauszufinden, zu welcher Tageszeit der Chlorgeruch in Akasaka vom zweiundvierzigsten Stock aus am intensivsten ist.

Yoyo hatte die Zeit nicht und sie sah mich ungläubig an, wenn ich ihr davon erzählte. Sie kommentierte meine Schilderungen nicht weiter. Etwas wie Erstaunen lag in ihrer Gestik, wenn sie nickte und lächelte, kein Vorwurf. Ihr Wesen schien so schlicht und uneigennützig, dass ich schnell Zutrauen fand. Ich konnte ihr alles erzählen, ohne jede Scheu. Nicht nur von Kacheln und eigenartigen Gerüchen, auch von meinem Leben in Europa, bevor ich nach Japan kam, von den ersten Jahren in Osaka und dem Gefühl des Fremdseins, das ich mochte. Ich erzählte von der Firma dort, aus der ich rausgeflogen war, von meiner Frau und meinen Kindern, die ich zurückgelassen hatte und der Arbeitslosigkeit, die mich immer wieder einholte, wenn ich nicht gerade einen Gelegenheitsjob annahm.

Dass ich nun seit einigen Wochen in einer Sushibar in Ropongi saubermachte, bereitete mir zwar keine Glücksgefühle, aber es war besser als nichts.

Unmittelbar nach dem Rausschmiss aus der Firma, zog ich nach Tokio, weil ich Osaka so schnell wie möglich vergessen wollte.

Ein Bekannter hatte eine Wohnung in Akasaka, die er mir für wenig Geld zur Verfügung stellte. Ich arbeitete als Türsteher in Diskotheken oder in Karaokebars, um diese Wohnung im zweiundvierzigsten Stock zu halten und um meinen Kindern ab und zu Geschenke zu machen, die meine Exfrau regelmäßig zurückschickte.

Wenn ich wieder arbeitslos war, erschien mir die Absurdheit zwischen meiner Existenz und der Wohngegend noch größer. Akasaka ist ein wohlhabendes Viertel, in dem vornehmlich Geschäftsleute leben. Ich war ein Außenseiter dort, ein Sonderling, der sich mehr und mehr in sich zurückzog und den Kontakt zur Außenwelt allmählich verlor.

Ich lernte Yoyo über einen Türsteherkollegen kennen, mit dem ich ganz selten mal ein Bier trinken ging. Zu dieser Gelegenheit brachte er sie mit. Yoyo kam nie allein, sondern immer mit Freundinnen. Wir begrüßten uns höflich, da war etwas Zurückhaltendes in ihr, eine Vornehmheit, die mir gefiel. Ich beobachtete sie, wir kamen ins Gespräch, verabredeten uns für den nächsten Abend, dann trafen wir uns häufig, bis wir ein Paar wurden. Sie interessierte sich für mein sonderbares Dasein und ich hatte den Eindruck, sie verstand das. Ich gewöhnte mich daran, nicht mehr allein zu sein, kochte für sie, kaufte ihr Parfum, band ihr langes Haar zu einem Zopf. Ich vermisste sie, wenn sie nicht da war.

Und das kam vor, wir sahen uns Wochen lang nicht. Yoyo verschwand einfach. Ich konnte sie weder telefonisch erreichen, noch zu Hause antreffen. Vielleicht war sie da und hatte keine Lust zu öffnen. Das irritierte mich, machte mich wütend. Ich war unruhig, schlief schlecht, aber irgendwann ließ die Anspannung nach und ich nahm den Zustand hin. Warum sie sich entzog, fand ich nicht heraus. Es gehörte zu ihrem Wesen, sich unerreichbar zu machen, eine Marotte, eine Angewohnheit, die uns irgendwo verband. Manchmal erhielt ich eine SMS. „Bin verreist, Yoyo.“ Ich fragte mich, ob das stimmte, auch das fand ich nicht heraus. Ich verfolgte den Gedanken nicht weiter, putzte die Sushibar, legte mich in den Sonnenstreifen auf den Teppich, beobachtete die Wesen auf der Straße.

Yoyo rückte aus meinen Gedanken, bis sie mich irgendwann anrief, weil sie mit mir nach Kioto fahren wollte.

Wir machten häufiger Ausflüge. Am Wochenende fuhren wir ans Meer oder verbrachten Stunden in einem Zen- Garten und beobachteten die wandernden Schatten der Steine. Wir saßen in Teehäusern, picknickten an flachen Gewässern, die eine starke Strömung hatten.

Zuweilen waren wir beide von einem Drang besessen, die gemeinsame Zeit auszukosten. Ich wollte mit ihr Dinge tun, die ich schon lang nicht mehr getan hatte. Wir besuchten Konzerte, gingen ins Theater, in Bars und Diskotheken, nicht in die, in denen ich als Türsteher gearbeitet hatte. Ich genoss ihre verhaltene Ausgelassenheit und diese Wildheit, die sich in ihrem Lachen plötzlich Bahn brach. „Ich werde dich heiraten, Yoyo, für deine Fältchen um den Mund werde ich dich heiraten!“

Im Morgengrauen liefen wir über den Fischmarkt oder einfach durch die Hochhauslandschaft, die in dem perlmuttgrauen Licht des noch nicht angebrochenen Tages etwas Außerirdisches, Monumentales hatte. Manchmal machten wir es in einem Stundenhotel und wenn die Sonne höher stand, frühstückten wir.

Dann war sie wieder weg, verschwunden. Ich war ratlos, enttäuscht und fühlte mich irgendwie schwach. Die Wut kam später und mit ihr die Zweifel an Yoyos Person. Ich fragte mich, ob ihre Hingabe wirklich Hingabe war, und ob das Verständnis, das sie zeigte, nicht ihr selbst galt. Welche Eitelkeit verbarg sich hinter dieser Allüre, sich jeder kleinsten Verbindlichkeit zu entziehen. Eigentlich wusste ich nichts über sie, was hatte sie mir schon erzählt, außer, dass sie in einer Firma als Produktdesignerin arbeitete. Eine vornehme Schlichtheit, die ich zu Anfang in ihr sah, war es jedenfalls nicht. Ich suchte nicht weiter nach Erklärungen, weil das nichts half. Die Wut blieb und ich wollte nicht wieder zurück in meinen Mikrokosmos, in dem es nichts gab außer Kacheln, Chlor und der Sushibar. Manchmal dachte ich daran nach Europa zurückzugehen.

Während ihrer Abwesenheit ging ich mit zwei ihrer Freundinnen fremd, genoss es sogar, hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen.

Hin und wieder schickte Yoyo eine SMS, in der sie bestätigte, dass es ihr gut gehe, und dass sie auf Reisen sei. Ich löschte ihre Nachrichten sofort.

Ich hätte beide Freundinnen heiraten können, aber irgendwann verlor ich sie aus dem Blick. Als mir das auffiel, änderte ich nichts daran.

Manchmal waren diese Wesen da unten in den Straßen fast beruhigend. Ich beobachtete, wie sie sich geräuschlos in alle vier Himmelsrichtungen bewegten, die einen schneller, die anderen langsamer.

Die Sonnenstrahlen fielen auf die Kacheln, ich zählte sie, kam auf einhundertachtundneunzig. Der Chlorgeruch erinnerte mich plötzlich daran, dass ich mal wieder ins Schwimmbad gehen könnte.

Ich tat es noch an diesem Morgen.