Schaulounge

Weltumrundung

Ein Gedichtfilm

Die Welt wandert in mich hinein und aus mir heraus. Der Himmel tanzt zitternd. Vibrationen in Tiefblau. Wolkenketten schwimmen selbstgefällig hindurch. Kondensstreifenmobile. Wäscheleinen davor und dahinter. Sommerwärme kitzelt dicke Vogelbäuche. Wispern in den Zweigen. Schaukeln im Geäst. Ein kesses Hin- und- Her unter den Zweiflüglern. Der Abend hält die laue Luft. Ich taumele, drehe mich, umrunde den Erdball. Ich atme ein, ich atme aus, hole tief Luft. Flügelschlag um Flügelschlag. Geschwätzigkeit über mir. Schatten fangen sich in Bäumen und rufen nach der Nacht. Der Mond spielt Verstecken. Sollen die Sterne ihn doch finden. „Hasch mich, du kesses Hin- und- Her! Hasch mich, hasch mich!“ Ich drehe an dem Kondensstreifenmobile. Die Welt wandert in mich hinein und aus mir heraus. Ich taumele. Flügelschlag um Flügelschlag nimmt die Nacht mich und trägt mich heim.

 

Text: Adrienne Brehmer

Video: Beate Gördes

Sound: ludwigandme

2:43 min, 2014

 

Hydra


Großbaustelle. Eine Stadt. Röhrenungeheuer. Und der blaue Himmel über der Brache. Ein Presslufthammer. Unzählige Presslufthammer. Zu viele davon. Ununterbrochen. Ein Donnern über den Häusern in der Hitze. Ohrenfolter. Ein Hilferuf. Keiner hört ihn. Eine Luftspieglung aus Blattwerk und Glas, die sich aus dem Baustellengitter befreit, sich leicht macht und über allem zu schweben beginnt. Die Baustelle gefangen im quadratischen Gitter. Und über all dem erstreckt sich ein Röhrenungeheuer in langen Bewegungen. Anmutig und gefährlich. Zärtlich und grässlich. In sich unergründlich unter dem Blau des Himmels. Und dann wieder die Luftspieglung. Schimmerndes Blattwerk. Täuschung der Sinne. Betörend. Das Ungeheur, das Ungeheuer. Kilometerröhre. Ungeheuerlich erwächst aus ihr ein Wabennest inmitten der flirrenden Stadt. Der blaugetränkte Himmel und die hitzegeschwängerte Luft verklebt die Poren, den Atem. Ein Hilferuf. Langgestreckter Körper. Körperröhre. Hydra. Wesen. Unwesen. Treibt sich durch die Stadt. Menschenwabe. Dichtgedrängte Leiber Zelle an Zelle. Eingesperrt. Aneinandergeheftet im quadratischen Gitter. Zwischen Wabe und Blau das Wesen, das Unwesen. Das Paradoxon, der Wahnsinn im Flirren der Stadt. Menschenwabe. Verzweigung. Verästelung bis unenendlich. Stahl, Blattwerk, Glas, Menschenadern. Das Pulsieren über der Haut. Dicht an dicht. Verschmelzung. Totalverschmelzung. Hydra. Horizontalverlauf. Vertikalverlauf. Übergang. Leichtigkeit. Schwerelosigkeit. Bis unendlich…

Text / Stimme: Adrienne Brehmer

Video / Sound: Beate Gördes

17:58 min, 2013

 

Unterwegs sein

 

Immer unterwegs. Auf der Autobahn. Irgendwo zu Fuß. Oder mit dem Motorroller. Warum nicht? In Gedanken weggehen. Jederzeit. Tatsächlich weggehen. Auch jederzeit. Woanders hin. Den Ort wechseln. Die Stadt wechseln. Das Land wechseln. Die Farbe wechseln. Die Straßenseite wechseln. Über Brücken. Unter Brücken. Wandern. Fortwandern. Die Zeit überbrücken. Den Raum unterwandern. Wechsel. Immer Wechsel. Dauerwechsel. Unterwegs sein. Stop. Nonstop. Dann der Loop. Und nochmal der Loop. Die Welt dreht sich, juhu! Und der Kreislauf schließt sich, öffnet sich, schließt sich. Schnee, Eis, Wasser. Tiefen, Untiefen. Die ganze Palette. Alles da. Alles da fortlaufend. Durchgehend. Ununterbrochen. On the road. Ever, ever, ever…

Text: Adrienne Brehmer

Video / Sound: Beate Gördes

2:56 min, 2012