Siedlung am Morgen
Kinderstimmen in den Straßen, bunte Schulranzen und die Schritte der Eltern. Frühes Licht fällt zwischen Häuser. Roter Backstein reiht sich in die Landschaft, der Himmel nimmt das zur Kenntnis und auch das Blassgrün des Rollrasens in Handtuchgärten. Lattenzäune zeigen Grenzen auf. Im Inneren der Müllwagen wird gerade Abfall verdaut. Die Welt vom Tau noch nass und schon so geschäftig. Die Kinder sind längst weg und die Eltern, die Pflicht ruft nach dem Tag. Die Ziegel auf den Dächern stört das nicht, halten durch tagein tagaus, während sie von der Sonne beschienen oder vom Regen begossen werden. Die frühen Stunden sehen keine Antwort vor, lassen geschehen, lassen kommen, ganz einerlei wohin das Licht fällt.
Wohnen
Durchsichtiges Blau im Fenster, darunter die abschüssige Rasenfläche. Vereinzelt Birken. Mürrisch dreinblickende Gärtner mähen das Gras, die Hemdärmel hochgekrempelt. Manchmal spielen Kinder Fußball auf der Fläche. Erwachsene sind nicht dort. Die Balkone bieten Schutz hinter der Betonbrüstung. Die Gärtner haben starke Unterarme. Nach einer knappen Stunde sind sie fertig. Bunte Sonnenschirme vereinnahmen Raum unter dem großen Himmel. Das durchsichtige Blau lässt zu. Die Rasenfläche ist weit. Quadrat an Quadrat in den Wohnungen beruhigt. Die Birkenblätter klingeln leise, wenn der Wind hindurchfährt. Wer das hört, wohnt nicht hinter dem Beton. Wer hier über die vier Wände hinaus spricht, sagt vielleicht zu viel. Hauptsache das Gras ist kurz und die Kinder sind nicht zu laut beim Fußballspielen. Der Himmel beschönigt nicht, auch nicht im Sommer. Die Probleme liegen woanders. Unbefangen breitet die Wärme sich aus, was auch immer unter den Sonnenschirmen geschieht.
Hans
Das Haus steht auf der Wiese, sonst steht da nichts, die Wiese ist grasgrün und das Haus so blass, als ob es Bauchweh hätte, in dem Haus ist Hans, Hans ist allein, er sitzt am Tisch, vor ihm steht ein Glas, das Glas ist halb voll und halb leer, Hans sitzt still, die Hände liegen rechts und links auf den Knien, Hans trägt einen Filzhut mit keiner Feder, immer trägt Hans den Hut, bei Tag und bei Nacht, im Sommer und im Winter, das Dach hat rote Ziegel, der Himmel darüber ist wässrig blau, immer ist der Himmel wässrig blau, ob die Sonne scheint oder Regen fällt, die Augen, die in diesen Himmel blicken, sind auch wässrig blau, die Blätter der Pappeln, die nicht auf der Wiese stehen, rauschen woanders im Wind, Hans sitzt still, im Herbst würzt der Schornstein die Luft, der Filzhut ist grasgrün wie die Wiese und Hans so blass wie das Haus, als ob er Bauchweh hätte, die Flugzeuge zeichnen Linien in den Himmel, darunter streckt sich der Dachfirst zu ihnen herauf, Hans´ Hände liegen rechts und links auf den Knien, das Haus riecht nach Hans, Hans hat wässrige Augen, immer hat er wässrige Augen, sie blicken in den Himmel, das Glas auf dem Tisch ist dickwandig, die Mauern des Hauses sind dickwandig, Hans ist allein, Hans trägt einen Filzhut, Hans ist schön hergerichtet, Hans hat kein Verfallsdatum, Hans ist tot.
Mauenheim
Häuserzeile bescheiden. Blassgrüne Fassaden und Balkone. Fenster, alle gleich groß. Manchmal ein verhuschtes Gesicht zwischen weißen Häkelgardinenmaschen. Gepflegte Blumen in Kästen auf den Fensterbänken außen. Kaum Stimmen. Vor der Zeile eine abgewetzte Rasenfläche und die Hochbahn. Parallel dazu ein asphaltierter Weg, schmal, und ein Zirkus auf der Fläche. Einmal im Jahr in den großen Ferien. Ein Karussell mit Plastikpferden. Flugzeuge, die im Kreis zischen, eine Schießbude, eine Hüpfburg, die so groß ist, dass man für immer darin versinkt, Kamele und Ziegen hinter einem Zaun dicht bei den Wohnwagen, mürrisch dreinblickende Zirkusjungen, die das Geld eintreiben und den Tierkot in Blecheimer sammeln. Ein Paradies für Kinder, die verloren gegangen sind. Kein Rummel, kein Andrang. Rentner an dem einzigen Bierstand, Einkaufstüten aller Formate, Hunde. Zuweilen Jugendliche. Auch die. Halten Abstand. Stecken ihre Köpfe zusammen und bauen sich was. Auf der Lehne der Quadratgitterbänke am Wegrand. Bahnverkehr. Mäßiges Dauerrauschen über der Wiese.
Dann unvermittelt eine Erweiterung der Szenerie. Ein helles Rufen etwas entfernt vom Zirkus. Ein junger Mann, der sich über einen Kinderwagen beugt. Eine Kinderhand, die sich nach oben reckt, nach etwas greift. Der Kopf in den Nacken gelegt, ein Glucksen. Aufschauen des jungen Mannes nun, ein angedeutetes Lächeln. Über den Gesichtern der beiden eine Jungamsel auf einem niedrigen Ast eines Baumes am Wegrand. Die Amsel singt unverdrossen unter dem Rauschen der Hochbahn an einem Spätnachmittag.